Modernes Reisen - Ein Märchen aus 2005 Jahren

Im Weblog von Stefan Rubner fand ich vor kurzem folgende Geschichte, die wunderschön geschrieben ist :

 

Der Jüngling und die Ritter des Stahlvogels

Es war ein wunderschöner Maientag und so beschloss der - nicht mehr ganz so junge - holde Jüngling, dass es eine gute Gelegenheit wäre, eine Reise nach Berlin anzutreten. Schließlich hatte er kurz zuvor einen Ruf aus dieser Stadt erhalten, dem er nun folgen wollte. Erleichtert wurde ihm dies durch die Möglichkeit, kostenlos im Bauch eines der großen Stahlvögel zu reisen, die zwischen vielen Punkten der bekannten Welt verkehrten.

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So schnürte er denn sein Säcklein und machte sich auf den Weg. An der Pforte zum Hort der Stahlvögel musste er eine Reihe von Wächtern passieren, die sowohl ihn wie auch den Beutel mit seinen Habseligkeiten unter die Lupe nehmen wollten. Nun hatte der Jüngling zwar nicht vergessen, dass die Stahlvögel inzwischen besser gesichert wurden als es noch vor wenigen Jahren der Fall war. Trotzdem hatte sich bei der doch etwas hastigen Abreise ein Werkzeug in seinen Waschbeutel geschlichen, das schon bei der ersten Inspektion helle Aufregung auslöste.

Zum Glück konnte er sich des Steins des Anstoßes schnell entledigen, da er sein Gefolge zum Stahlvogelhort mitgebracht hatte. So vertraute er diesem das Werkzeug an und trennte frohen Mutes wie vorgeschrieben seinen modernen Rechenschieber vom Rest der Reiseutensilien, legte auch sein Jäcklein sowie die Wanderstiefel vor den Eingang des allsehenden Tunnels und durchschritt die Pforte, die seine Eignung prüfen sollte.

Unbehelligt kam er auf der anderen Seite an und wollte gerade seine aus dem Tunnel erscheinenden Habseligkeiten an sich nehmen, als der Wächter, der schon das Werkzeug bemängelt hatte, auf das Ränzlein zuschoss. Unterstützt von zwei Lanzenträgern begann er, an den diversen Verschlüssen des Ränzleins zu reißen und den in den dahinter liegenden Taschen verborgenen Inhalt recht unsanft zu entleeren. Schnell purzelten diverse Geräte zur Aufzeichnung bunter, aber leider unbewegter Bilder sowie Maschinen zum Wortaustausch über weite Entfernungen hinweg aus ungewohnt luftiger Höhe auf den stählernen Untersuchungstisch. Auch die Kleidung, die der Jüngling sorgsamst in sein Ränzlein gepackt hatte um Knicke und Falten zu vermeiden, wurde roh aus ihrem Schlaf gerissen und von den drei Rittern ohne (Hirn und Verstand) Furcht und Tadel zerwühlt.

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Ob dieser Aktion leicht verwundert, sich aber trotzdem an ordentliche Benimmregeln erinnernd, fragte der Jüngling die drei (Irren) Ritter, ob er ihnen bei ihrer Suche behilflich sein könne. Die Antwort irritierte ihn noch mehr, da sie doch lautete "Nein, wir verschaffen uns nur einen Überblick!". So wartete der Jüngling ab und beschloss, sich derweil zumindest die Schuhe wieder anzuziehen, da an diesen keiner der (Irren) Ritter Interesse zeigte. Da er sich dazu bücken musste, entschwanden die (Irren) Ritter kurz aus seinem Blickfeld.

Wieder aufgetaucht stellte er fest, dass seine Habseligkeiten endgültig zerstreut auf dem Tische lagen. Lediglich das Säcklein mit dem Gerät zur Gesichtsenthaarung sowie anderen Utensilien der Reinlichkeit, aus dem der erste (Irre) Ritter zuvor das beanstandete Werkzeug entfernt hatte, war ungeöffnet geblieben. Die drei (Irren) Ritter zeigten kein Interesse mehr, sondern standen beisammen und unterhielten sich.

So begann der Jüngling also, seine Siebensachen wieder einzusammeln und in das Ränzlein zu schieben. Das wiederum erregte die Aufmerksamkeit der (Irren) Ritter, die dieses Treiben sofort unterbanden und den Jüngling darauf hinwiesen, dass ihm niemand erlaubt habe, sein Ränzlein zu schnüren. Nun nahm aber der Jüngling seinen ganzen Mut zusammen und fragte, ob denn dem gewünschten Überblick nicht Genüge getan sei. Zu seiner Überraschung erfuhr er, dass dies erst der Fall wäre, wenn das in den Habseligkeiten versteckte Teil zur Befüllung einer modernen Vorrichtung zur Beschleunigung von Metallteilen auf eine ballistische Flugbahn gefunden sei.

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Nun konnte sich der Jüngling beim besten Willen nicht vorstellen, was damit gemeint sein sollte. Er bat daher um eine genauere Beschreibung des gesuchten Gegenstandes, auf dass er das gewünschte Teil präsentieren und endlich seinen Weg zum Stahlvogel fortsetzen könne. Hierauf teilte ihm der erste (Irre) Ritter mit, dass es sich um einen zylindrischen Gegenstand handle, an dessen Ende ein Ring zu finden sei. An diesem Ring wiederum würde sich zudem ein in etwa fünfeckiges Teil befinden, aus dem ein Metallstab herausrage.

Der Jüngling dachte kurz nach, öffnete den Beutel mit den Utensilien zur Körperreinigung, kramte kurz und präsentierte den (Irren) Rittern einen Gegenstand, den diese als den gesuchten identifizierten und gründlichst in Augenschein nahmen. Nach einigem Hin und Her sowie angeregten Diskussionen klassifizierten sie den Gegenstand als harmlos, warfen ihn achtlos auf den Untersuchungstisch und widmeten sich dem nächsten Opfer.

Zurück ließen sie einen leicht verwirrten Jüngling. Denn schließlich hatte der erste (Irre) Ritter besagten Gegenstand gerade erst kurz zuvor in der Hand gehalten, als das beanstandete Werkzeug aus dem Säcklein entfernt wurde. Nach einigem Grübeln kam er zu dem Schluss, dass die (Irren) Ritter wohl Anhänger seltsamer Reproduktionspraktiken seien, die das Betatschen fremder Wäsche ebenso beinhalteten wie den Test neumodischer Spielzeuge auf deren Bruchfestigkeit. Zufrieden ob dieser Beobachtung setzte er seine Reise nach Berlin fort, gespannt auf die Dinge, die er beim Rückflug erleben würde.

Das verflixte Utensil

( Stefan Rubner)           

Wolfgang Germann